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„20 Grad“ Von der Straße auf die Rennstrecke

Als ich heute Morgen ein Buch von Hans Eberspächer „Motorradfahren mental trainiert – Gutes Fahren beginnt im Kopf“ aufgeschlagen habe, war das erste, was ich gelernt habe, dass Motorräder gleichgewichtslabile Einspurfahrzeuge sind, die durch die Kreiselkräfte der rotierenden Räder in aufrechter Lage gehalten werden. Ein Motorrad mit stillstehenden Rädern fällt um.

Ich nahm das schmunzelnd zur Kenntnis und dachte mir, dass so etwas Banales ja wohl jeder wisse. Dieses Hinweises hätte es nicht bedurft. Plötzlich musste ich mich an meine ersten Fahrversuche erinnern, die noch gar nicht so lange zurückliegen. Ihr solltet vielleicht wissen, dass ich meinen Motorradführerschein erst vor kurzem in einem Crashkurs innerhalb einer Woche nachgemacht habe. Wir waren mit zwei Fahranfängern einem Fahrschullehrer zugeteilt. An einem Tag waren wir wieder einmal bis spät in die Nacht unterwegs. Es war ein Uhr und ich befand mich auf dem Rückweg zur Garage. Beim Packen machte ich dann einen gravierenden Fehler. Ich vergaß das Vorderrad gerade zu halten. Was dann passierte, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen. Ich kippte samt Karre um und lag auf dem Boden. Mein Fahrschullehrer kam schreiend aus seinem Auto gestürmt: „Immer dasselbe mit diesen Anfängern. Darauf habe ich bei dir schon die ganze Zeit gewartet.“ Ich habe nur gedacht: „Dieser Vollidiot, wenn er so was vorher schon weiß, warum hat er mir das denn nicht schon früher gesagt?“ Jedoch ist mir in diesem Moment auch bewusst geworden, dass ein Motorrad kein Auto ist.

Bei meinen ersten Kilometern auf der Landstraße hatte ich immer dieses Schlüsselerlebnis im Hinterkopf. Zum Glück hatte ich einen geduldigen „Lehrer“, hinter dem ich herfahren konnte. Zunächst erhielt ich die Weisung, meine Linie zu halten hatte. Wegen des zu erwartenden Gegenverkehrs auf Landstraßen ist das durchaus von Vorteil, zumal etwaige Kollisionen die Fortsetzung der Ausbildung gefährden. Dann machte mein „Lehrer“ mich auf weitere Gefahren, die der Straßenverkehr so mit sich bringt, aufmerksam. Hierzu zählen u. a. Autos und Trecker, die plötzlich aus irgendwelchen Seitenstraßen herausgeschossen kommen könnten.

Auf unseren Touren erzählte er mir von seinen Rennstreckenerfahrungen und bemerkte: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: „Entweder du liebst es oder du verabscheust es, auf der Rennstrecke zu fahren.“ Das war für mich der Startschuss. Ich wollte es unbedingt wissen und meldete mich schon bald zu einem Renntraining in Brünn an. Schon beim Herausfahren auf die Strecke hatte ich mich entschieden. Die Rennstrecke ist absolut mein Ding. Das war ein erhebendes Gefühl von Freiheit und Adrenalin. Seit dem fahre ich kaum noch auf der Landstraße, es sei denn, ich muss mein Motorrad mal wieder kurz anschmeißen. Wir sind bisher auf den unterschiedlichsten Rennstrecken Europas bei den verschiedensten Veranstaltern gefahren. Mich hat der „Virus“ Rennstrecke mit allem, was dazu gehört, infiziert.

Jetzt versuche ich, auf der Strecke immer besser und schneller zu werden. Doch im Moment scheint es so, als würde ich auf der Stelle stehen. Meine alten Themen haben mich eingeholt. Eines davon ist das mit der „Schräglage“ und ein anderes ist das mit dem „Reibbremsen“. Ich weiß nicht, ob es euch auch schon mal so ergangen ist oder was ihr so für Themen habt? Ich habe immer noch „Respekt“ vor dem Asphalt. Das ist das Ding mit dem Knie auf dem Boden. Es ist so, als ob ich einen eingebauten Mechanismus habe, der mein Knie an mein Motorrad drückt, sobald es in Asphaltnähe gelangt. Ebenso dieses besagte „Reinbremsen“ in die Kurve. Ich habe am eigenen Leib gespürt, was passiert, wenn ich in einer Kurve bremse: „Ich kippe um!“. Ok, anhalten und fahren ist natürlich ein gewaltiger Unterschied. Doch irgendwie scheine ich das miteinander zu verbinden.

In puncto „Schräglage“ habe ich mich zuletzt schlau gemacht und herausgefunden, dass laut wissenschaftlicher Studien die Schräglage zum ererbten Repertoire des Menschen gehört – aber nur bis 20 Grad. Größere Schräglagen sind nur ganz selten zu beobachten, weil auf natürlichem Untergrund die Gefahr des Haftungsverlustes rapide anwächst. Sobald das Motorradfahren erlernt ist, werden diese 20 Grad ohne besonderes Training sofort ausgenutzt. Aber sie werden nicht überschritten, was übrigens auch für alle schnellen Lebewesen gilt, wie z. B. Pferde, Hunde, Laufvögel. Diese 20 Grad haben sich buchstäblich seit Jahrmillionen bewährt. Darüber hinaus nimmt die Gefahr bei Haftungsverlusten rapide zu.

Damit die 20 Grad überschritten werden können, bedarf es aber nicht nur bestimmter technischer Voraussetzungen – vor allem auch im Hinblick auf die Fahrbahn -, sondern eine Zeit intensiven Trainings. Das ist die Zeit, die gebraucht wird, um neue verhaltensgesteuerte Programme aufzubauen, die über die Grenzen hinausführen, die zunächst von ererbten Verhaltensmustern gesetzt sind.

Beim allmählichen Zusammenschmelzen von angeborenen und erworbenen Teilen, aber auch beim Ausreifen von vollständig erworbenen Programmen, spielt die Selbstoptimierung eine entscheidende Rolle. Das Programm verbessert sich in vieler Hinsicht allein durch ständige Wiederholungen. Es gewinnt an Automatismus und wird effizienter. Der sensomotorische Aufwand wird immer geringer. Es verliert an Störanfälligkeit. Der Ablauf wird zunehmend immer weniger durch das Bewusstsein gesteuert. Allerdings können bei der Ausreifung eines Programms auch Sackgassen und Durststrecken entstehen. Naja, das kenne ich ja zurzeit. An dieser Stelle könnte da nur eine Selbstoptimierung der Programme weiterhelfen.

Also, immer weiterüben, verbessern und nicht aufgeben. Doch was soll mich davon schon abhalten? Dafür macht das Fahren und das ganze Drumherum auf der Rennstrecke zu viel Spaß – diese Geräuschkulisse und der Geruch von Gummi. Ich glaube ihr wisst, was ich meine.

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